(J.R.) Unser Vereinsmitglied Ewald Gall hat mit seinem Motorrad (De Dion-Bouton, Baujahr 1897) in England bei einer Veteranenrallye teilgenommen.
Bei dieser Rallye hat er zwei Pokale gewinnen können:
- best Performance (beste Leistung)
- greatest combined age (höchstes Gesamtalter)
Erstmals gingen die Pokale an einen deutschen Teilnehmer.
Herzlichen Glückwunsch für diese hervorragende Leistung
Bericht
in der Waiblinger Kreiszeitung vom 01.04.2006
Noblesse mit PS und zwei Rädern
Ewald Gall vom MSC Bittenfeld fährt mit seinem „De Dion-Bouton“-Motorrad erfolgreich Veteranen-Rennen
Von unserem Redaktionsmitglied Andreas Kölbl
Waiblingen-Bittenfeld.
Bei Oldtimer-Rennen starten heutzutage ja schon 70er-Jahre-Yamahas. Motorräder aus dem 19. Jahrhundert aber würde man eher im Museum vermuten. Nix da, sagt sich Ewald Gall vom MSC Bittenfeld: Mit seiner „De Dion-Bouton“, Baujahr 1897, hat er neulich in England den „Pioneer Run“ gewonnen.
Nein, das ist kein Aprilscherz. Das historische Zweirad von Ewald Gall fährt wirklich und ist amtlich zugelassen für den Straßenverkehr. Zwar lassen sich Superlative generell schlecht überprüfen, doch in einem Punkt ist sich der Mann vom MSC Bittenfeld sicher: „Das ist das älteste Motorrad Deutschlands, das noch fährt.“ Eine Nachbildung des „Reitwagens“ vom Schorndorfer Gottlieb Daimler steht im Mercedes-Benz-Museum - das Original gilt als das erste Motorrad der Welt und wurde nur zwölf Jahre früher gebaut als die Gallsche „De Dion-Bouton“.
An der Ampel wird der Motor abgewürgt
Beim „Pioneer Run“, der weltweit renommiertesten Wettfahrt für Oldtimer-Motorräder, räumte der 70-Jährige jetzt richtig ab. Als erster deutscher Fahrer gewann er den Pokal für die „beste Performance“ und obendrein einen Preis für das höchste Alter von Fahrer plus Fahrzeug. Von Epson Downs im Südwesten von London führte die Route bei eisig-kaltem Wetter durch hügelige Landschaft ins Seebad Brighton.
Für die 84 Kilometer brauchte Gall zwei Stunden und 27 Minuten. Das entspricht einem Durchschnitt von knapp 35 Kilometern pro Stunde - allemal schneller als ein moderner, schnittiger Porsche in der Waiblinger Innenstadt. Der Fairness halber sei gesagt: Wäre Gall dort unterwegs, er hätte seine liebe Mühe. Denn ein Anhalten bei laufendem Motor erlaubt der Direktantrieb des Oldtimers nicht. „An jeder roten Ampel muss ich den Motor abwürgen“, sagt der Fahrer „anders geht’s nicht.“
Albert de Dion: Techniker und Playboy
Immerhin ein und ein Viertel PS stecken in dem Motor. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte De Dion-Bouton - Gründer Albert de Dion ist ebenso für seine Erfindungen wie für seine Amouren in die Geschichte eingegangen - zu den erfolgreichsten Automarken der Welt. Nach dem Ersten Weltkrieg begann ihr Niedergang, ihren letzten Wagen produzierte sie 1932. Das Gestell für das Uralt-Motorrad lieferte die Firma Cycles P. Hostin aus
Beziers. Erster Käufer war ein gewisser Roger Chevalier aus Pezenas in der Nähe von Montpellier. Auf einer Plakette am Rahmenrohr ließ sich dieser Monsieur verewigen.
Mehrmals wechselte das Gefährt die Besitzer. Doch bis es Ewald Gall von einem Sammler aus Bayern ergatterte, hatte es jahrzehntelang keiner mehr flott bekommen. Der gelernte Mechaniker und spätere technische Berater aus Hochdorf tüftelte schlappe vier Jahre lang und baute unter anderem ein Rückschlagventil ein, weil nach einer Weile immer das Öl schäumte und der Motor trocken lief.
So sehr er sich über seine neueste Trophäe auch freut - seine größten Erfolge feierte Ewald Gall, Gründungsmitglied des Motorsportclubs Bittenfeld, als Motocross-Fahrer in den fünfziger Jahren. Bezirks- und Württembergischer Meister war er, in einem Jahr gewann er sage und schreibe 17 Rennen. Bei einem überholte er den Zweitplatzierten gleich doppelt. „Ich bin gefahren wie der Teufel“, erzählt Gall. „Ich wollte unbedingt den Führenden erwischen, der mich beim Start umgeschmissen hat.“ Was der MSCler nicht wusste: Der Bösewicht war schon ausgeschieden.
NSU von 1911: Ausstrahlung eines Kettenfahrzeugs
Gall ist Sammler. Versprüht die De Dion-Bouton französische Noblesse, haftet seiner alten NSU von 1911 mit riesenhaftem Keilriemen die Ausstrahlung eines Kettenfahrzeugs an. Liebevoll tätschelt der Rentner seine 54er Puch - „mit der bin ich damals in Bittenfeld berühmt geworden“. Wenn auch mit Anfangsproblemen. Denn das gute Stück, vom ersten Gesellenlohn erstanden, war schon binnen 24 Stunden zu Schrott gefahren - so hieß es erst mal reparieren.
Die De Dion-Bouton soll nach eine ganze Weile halten. Denn ein Sportler wie Gall hat immer ehrgeizige Ziele: In den „Pioneer Run“-Wanderpokal will er seinen Namen noch mindestens zwei weitere Male eingraviert sehen.